Die ‚Moralität‘, also der zweite Hauptteil des ‚Objectiven Geistes‘ der Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, wird von Hegel mit einer dialektischen Behandlung des ‚Gewissens‘ abgeschlossen. Mit dieser 'Form' meint Hegel unter anderem das Vorrecht eines freien Individuums, aus eigener moralischer Einsicht Handlungen bestimmen zu können. Diese Eigenschaft des moralischen ‚Subjects‘ bedingt keine versöhnende Koexistenz unter seinen moralischen Pflichten. Denn im Fall einer „Collision“ der Pflichten „soll“ das Gewissen selbst „die Dialektik seyn, welche eine Verbindung derselben mit Ausschließung der andern und damit mit Aufheben dieses absoluten Geltens beschließe“. Obwohl die Phänomenologie des Geistes bereits eine Analyse der Widersprüchlichkeit der moralischen Weltanschauung enthält, erläutert Hegel die Dialektik des Gewissens als Bestandteil des objectiven Geistes zuerst in seiner Heidelberger Periode. Diese Behauptung lässt sich durch einen Vergleich der ‚Moralität‘ der Enzyklopädie mit dem entsprechenden Hauptteil der Nürnberger Propädeutik, in dem die Dialektik des Gewissens fehlt, stützen. Nach der Propädeutik und vor der Enzyklopädie wird das Thema von Hegel in einem weiteren Heidelberger Text, nämlich der Rezension zum dritten Teil der Werke Jacobis, behandelt. Eine Analyse dieses Textes soll zeigen, dass die erneute Auseinandersetzung Hegels mit Jacobis Kritik an den Morallehren der Transzendentalphilosophie die unmittelbare Vorbereitung der Behandlung der Dialektik des Gewissens in seiner Theorie des ‚Objektiven Geistes‘ darstellt. Diese textuelle Rekonstruktion erlangt auch theoretischen Charakter, weil sie Verwandtschaft und Eigenheit der hegelschen Dialektik des Gewissens im Vergleich mit Jacobi erklärt. Für das Verständnis der Ziele und Motive der Dialektik des Gewissens nach Hegel ist seine Rezeption der Philosophie von Jacobi nämlich unentbehrlich. Doch leistet Hegel in der Rezension eine Gegenüberstellung zwischen der Philosophie Jacobis und der alten Ethik (insb. Aristoteles), deren Ziel es ist, die Unangemessenheit der Entfaltung dieser Dialektik in den Werken Jacobis aufzuzeigen. Anders als Jacobi meint, setzt die freie Entscheidung des moralischen Subjekts die Wirklichkeit der sittlichen Welt. Wie Hegel kurze Zeit später in der Enyzklopädie zeigen wird, besteht die Lösung der Dialektik des Gewissens nicht in der außergewöhnlichen Handlung des Helden, sondern in der Aufhebung des moralischen Standpunkts in der ‚Sittlichkeit‘.

Die Dialektik des Gewissens in der Jacobi-Rezension und in der Heidelberger Enzyklopädie

Emanuele Cafagna
2019

Abstract

Die ‚Moralität‘, also der zweite Hauptteil des ‚Objectiven Geistes‘ der Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, wird von Hegel mit einer dialektischen Behandlung des ‚Gewissens‘ abgeschlossen. Mit dieser 'Form' meint Hegel unter anderem das Vorrecht eines freien Individuums, aus eigener moralischer Einsicht Handlungen bestimmen zu können. Diese Eigenschaft des moralischen ‚Subjects‘ bedingt keine versöhnende Koexistenz unter seinen moralischen Pflichten. Denn im Fall einer „Collision“ der Pflichten „soll“ das Gewissen selbst „die Dialektik seyn, welche eine Verbindung derselben mit Ausschließung der andern und damit mit Aufheben dieses absoluten Geltens beschließe“. Obwohl die Phänomenologie des Geistes bereits eine Analyse der Widersprüchlichkeit der moralischen Weltanschauung enthält, erläutert Hegel die Dialektik des Gewissens als Bestandteil des objectiven Geistes zuerst in seiner Heidelberger Periode. Diese Behauptung lässt sich durch einen Vergleich der ‚Moralität‘ der Enzyklopädie mit dem entsprechenden Hauptteil der Nürnberger Propädeutik, in dem die Dialektik des Gewissens fehlt, stützen. Nach der Propädeutik und vor der Enzyklopädie wird das Thema von Hegel in einem weiteren Heidelberger Text, nämlich der Rezension zum dritten Teil der Werke Jacobis, behandelt. Eine Analyse dieses Textes soll zeigen, dass die erneute Auseinandersetzung Hegels mit Jacobis Kritik an den Morallehren der Transzendentalphilosophie die unmittelbare Vorbereitung der Behandlung der Dialektik des Gewissens in seiner Theorie des ‚Objektiven Geistes‘ darstellt. Diese textuelle Rekonstruktion erlangt auch theoretischen Charakter, weil sie Verwandtschaft und Eigenheit der hegelschen Dialektik des Gewissens im Vergleich mit Jacobi erklärt. Für das Verständnis der Ziele und Motive der Dialektik des Gewissens nach Hegel ist seine Rezeption der Philosophie von Jacobi nämlich unentbehrlich. Doch leistet Hegel in der Rezension eine Gegenüberstellung zwischen der Philosophie Jacobis und der alten Ethik (insb. Aristoteles), deren Ziel es ist, die Unangemessenheit der Entfaltung dieser Dialektik in den Werken Jacobis aufzuzeigen. Anders als Jacobi meint, setzt die freie Entscheidung des moralischen Subjekts die Wirklichkeit der sittlichen Welt. Wie Hegel kurze Zeit später in der Enyzklopädie zeigen wird, besteht die Lösung der Dialektik des Gewissens nicht in der außergewöhnlichen Handlung des Helden, sondern in der Aufhebung des moralischen Standpunkts in der ‚Sittlichkeit‘.
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